22. Triennale Ulmer Kunst

22. Triennale Ulmer Kunst

07.07. – 23.09.2018
Eröffnung am Freitag, 7. Juli 2018, 19 Uhr

Unter dem Eindruck der weltweit kontrovers geführten Diskussionen um die documenta 14 im Superkunstjahr 2017 und vor dem Hintergrund der Ernennung der Höhlen der ältesten Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb zum UNESCO-Weltkulturerbe haben sich Museum Ulm und kunsthalle weishaupt im diesjährigen Kunstsommer auf die Suche nach möglichen Antworten auf die vermeintlich einfache, aber doch komplexe Fragestellung Warum Kunst? gemacht. Als Ergänzung und Begleitprojekt dieser kultur-, epochen- und gattungsübergreifenden Ausstellung, die im Wesentlichen aus den Sammlungsbeständen der beiden Institutionen entwickelt worden ist, orientiert sich auch das Motto der 22. Triennale Ulmer Kunst gleichermaßen an der Frage, worin das menschliche Bedürfnis nach Gestaltung, Kunstschaffen und Kunstbetrachtung begründet liegen mag.

 

Das Problem der Definition von Kunst ist so alt wie ungelöst, man kann sagen: ungelöster denn je.“ Mit diesem Satz beginnt Andreas Mäcklers umfassendes Buch zur Frage Was ist Kunst? 30 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint es aktueller denn je. Das Anything goes der Gegenwart nämlich, welches Joseph Beuys’ erweiterten Kunstbegriff inflationär als Paraphrase missbraucht, um vieles als Kunst zu deklarieren und einem kommerziellen Aufmerksamkeitsinferno zu widmen, macht die Suche nach einem Begriffsrahmen nicht einfacher. Seit der Antike hat er sich beinahe grenzenlos erweitert bis hin zu jenem Postulat, dass alles Kunst sei und Kunst alles sei, was als Kunst begriffen werde. Kunst scheint als dehnbare Leerformel für die beliebige Zutat unterschiedlichster materieller und ideeller Inhalte zwischen Kunstgeschichte und Gegenwart dienen zu können. Kaum ein Metier verwertet ein derart hohes Potential spekulativer Illusionen. Gleichermaßen gibt es keine Antwort auf die seit dem 19. Jahrhundert strapazierte Frage, ob Kunst all das leistet und leisten kann, was von ihr gefordert wird.

Kunst ist kaum auf den Begriff zu bringen. Eine allgemeingültige Erklärung, Deutung, Theorie oder Definition dessen, was Kunst war und ist, gibt es trotz aller philosophischen Bemühungen seit der Antike nicht. Ist die Aufgabe der Kunst das Wahre, Gute und Schöne oder doch eher die Darstellung ihrer eigenen Künstlichkeit? Während sich die europäische Kunstgeschichtsschreibung nach einer längeren Tradition der reinen Stilgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst der ikonographischen Form- und Inhaltsanalyse annimmt, um in der Folge mit der Ikonologie ein verfeinertes Instrumentarium der symbolischen Interpretation von Kunst und Kunstwerken zu entwickeln, scheint es heute nicht mehr ausreichend, den Inhalt eines Kunstwerkes allein aus dem geistesgeschichtlichen Umfeld oder den literarisch belegten Denkmöglichkeiten seiner Zeit zu deuten. Heute rücken der künstlerische Einzelgegenstand, die individuelle Formulierung einer Mitteilung und der Prozess der Rezeption in den Mittelpunkt des Interesses. Die Frage nach dem Was ist Kunst? muss heute vielmehr ersetzt werden durch ein Wann ist Kunst?, Was macht die Kunst? und Warum Kunst?

 117 Künstlerinnen und Künstler internationaler, nationaler oder regionaler Herkunft, die in Ulm, Neu-Ulm, im Alb-Donau-Kreis oder im Landkreis Neu-Ulm geboren sind, leben oder arbeiten haben ihre Bewerbungen eingereicht und 300 Werke aus den vergangenen drei Jahren den Mitgliedern einer unabhängigen Jury, bestehend aus Kunstwissenschaftlern, Künstlern und Kuratoren zur Bewertung präsentiert. Unter den Bewerberinnen und Bewerbern, welche die Ulmer Künstlerszene schon seit vielen Jahren oder auch erst seit Kurzem bereichern, offenbarten sich vielfältige Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Werdegängen.

Kunstschaffende selbst sprechen eher selten davon, was sie antreibt. Denn wie sinnlos wäre es, zu malen, zu zeichnen, zu gestalten, wenn es Worte dafür gäbe: „Why paint it, if I can talk about it.“ (Francis Bacon) Dennoch haben sämtliche Künstlerinnen und Künstler mit den Kunstwerken ihrer Bewerbungen kürzere oder längere Gedanken, Statements, Definitionen oder Aphorismen eingereicht, mit denen sie Anleitungen, Hinweise und Vorschläge zur Beantwortung der Frage Warum Kunst? anbieten. Sämtliche, ausgesprochen lesenswerte Einlassungen bekunden, dass die Erforschung des Warums und die damit verbundene Selbstbefragung an existentiellen Grundfesten des künstlerischen Daseins rühren.

Die Macht der Kunst liegt in ihrer Wirkung als Vokabular einer symbolträchtigen Sprache mit vielschichtigem Satzbau. Immer weist ein Bild, ein Kunstwerk in seiner Erscheinung über sich selbst hinaus. Zwischen Spannung und Harmonie birgt und enthüllt es das Subjektive der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Gefühle. Jedes künstlerische Werk stimuliert den gedanklichen Austausch, denn es ist eine der Hauptaufgaben von Kunst, Betrachterinnen und Betrachter mit etwas vertraut zu machen, was sie bisher nicht kannten. Kunst ist unübersetzbar und daher notwendig. Sie muss gezeigt und gesehen werden, um Prozesse der Rückbesinnung, Selbsterfahrung und Seinsbestim-mung, der Erbauung, Bestätigung oder kontroversen Diskussion in Gang zu setzen. So führt auch die Auseinandersetzung mit jenen 27 künstlerischen Positionen, die für die diesjährige Triennale ausgewählt wurden, zu überraschenden Gedanken, erstaunlichen Erkenntnissen und unerwarteten Stimmungen.

Warum Kunst? Im Entertainment geht es darum, die Welt und das Leben um uns herum zu vergessen. In der Kunst geht es darum, sich der Welt und des Lebens bewusst zu werden. Eine Anleitung zum genaueren Sehen und Verstehen bietet die 22. Triennale Ulmer Kunst mit Künstlerinnen und Künstlern aus Ulm, in Ulm und um Ulm herum. Darum Kunst! Und darum Triennale!

 

Mit Werken von:

Franziska Agrawal I Moritz Baumgartl I Chris Brandstätter I Gerhard Braun I Franziska Degendorfer I Claude Dürr I Angela Ender I Peter Gramming I Christian Greifendorf I Esther Hagenmaier I Dietmar Herzog I Birte Horn I Gabriele Nasfeter I Patrick Nicolas I Gerda Raichle I Bernadett Ritter I Heike Sauer I Stefan Schiek I Reiner Schlecker I Janina Schmid I Günter Schrem I Reintraut Semmler I Christine Söffing I Martina Staudenmayer I Frank Titze I Thomas Witzke I Heidemarie Ziebandt

Weitere Informationen zur Ausstellung auch unter www.museumulm.de.

 

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