Wir demonstrieren!

Wir demonstrieren!

linksbündig bis zum schluss. Hochschule für Gestaltung Ulm 1968

14.07. – 04.11.18, Studio HfG, HfG-Archiv, Am Hochsträß 8

 

Die HfG-Ulm: Eine politische Hochschule

 1953 hatte Inge Scholl gemeinsam mit dem Grafiker Otl Aicher und dem Bauhaus-Schüler Max Bill die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) gegründet. Dabei knüpften sie sowohl an die Ideale der von den Nationalsozialisten ermordeten Geschwister Hans und Sophie Scholl als auch jene des 1933 geschlossenen Bauhauses an.

Aus ihren Erfahrungen mit dem Faschismus heraus entwickelten sie bereits nach dem Ende des Kriegs die Idee für eine Hochschule, an der junge Leute für das Leben in der Demokratie ausge-bildet werden sollten. Auf dem Ulmer Kuhberg fanden die Hochschulgründer einen modellhaften Ort für die Verwirklichung ihrer Vorstellungen. Hier wollten sie die Elite des neuen Staates aus-bilden und den Menschen die Segnungen der Moderne in Form der Dinge bringen, die ihnen das Leben erleichtern und es gestalten.

Der Schweizer Architekt Max Bill verfolgte ähnliche Ziele. Seit Anfang 1950 gehörte er zum Aufbauteam der Ulmer Hochschule und wurde schließlich ihr Gründungsrektor. An der HfG trafen sich Menschen, die nach dem Faschismus etwas Neues, Eigenes beginnen wollten, die sich gemeinsam ein Leben in Freiheit und mit einer demokratischen Grundordnung erträumten. In der vernünftigen und guten Gestaltung der Umwelt sahen sie ein Mittel, die Ideale der Moderne zu verwirklichen. So entwickelte sich die Ulmer Hochschule zu einer international bedeutenden Ausbildungsstätte für Industriedesign. Von ihr gingen Impulse für die Gestaltung unserer Umwelt aus, die bis heute nachwirken.

Die 1960er Jahre

Dank Inge Scholls Sendungsbewusstsein entwickelte sich die Ulmer Hochschule zu einem Zentrum der Avantgarde, jedoch von Auseinandersetzungen und Machtkämpfen um Deutungshoheit wie Ausrichtung innerhalb der HfG begleitet. Die Hochschule stabilisierte sich vor allem aufgrund ihrer konkreten Erfolge im Bereich der Produktgestaltung und später auch der visuellen Kommunikation. Wichtig blieb das politische Denken und Engagement ihrer Mitglieder für die Gestaltung einer besseren Welt.

Kritik am Funktionalismus

Im Laufe der 1960er Jahre zeigte sich, dass die ideale neue Welt sich nicht ein für alle Male herstellen ließ: Auch die Utopie der Hochschulgründer war einem Wandel unterworfen. Dessen waren sie sich durchaus bewusst. Bereits 1966 äußerte sich der damalige Rektor der HfG Tomás Maldonado in der Zeitschrift Ulm die Einsicht, dass es in Zukunft nicht mehr um die Gestaltung einzelner Dinge, sondern um größere Zusammenhänge gehen müsse. Unter deutschen Intellektuellen stellten sich in dieser Zeit ebenfalls Zweifel an dem Konzept der funktionalistischen Massenproduktion ein. Im Jahr 1965 erschien Alexander Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit der Städte“, und im Oktober desselben Jahres hielt Theodor W. Adorno in Berlin einen wegweisenden Vortrag über „Funktionalismus heute“.

 1968

An der HfG stießen Ende der 1960er Jahre die verschiedenen Vorstellungen von der Realisierung einer besseren Welt aufeinander. Auch die Studenten der 1968er Generation beriefen sich auf den politischen Gründungsmythos um die Geschwister Scholl. Sie forderten mehr Mitsprache und politisches Bewusstsein, während die verbliebenen Dozenten und Vertreter der HfG-Gründer-generation vor allem das Potential der Gestalterhochschule sahen. Über all dem schwebte das Damokles-Schwert der drohenden Schließung: Ohne die finanzielle Hilfe des Landes Baden-Württemberg konnte die Schule nicht mehr bestehen.

Demonstrierten Dozenten und Studenten zunächst noch Einigkeit in ihrem Einsatz für das Fortbestehen ihrer Schule, zeigte sich zunehmend, wie weit ihre inhaltlichen Vorstellungen auseinandergingen. Sie konnten sich auf kein gemeinsames Konzept einigen. Im Dezember 1968 beschloss die Landesregierung von Baden-Württemberg deshalb, die Zuschüsse für den Schulbetrieb für das Jahr 1969 nicht weiter zu gewähren. Daraufhin musste die HfG ihren Unterrichtsbetrieb einstellen.

Wirkungsgeschichte

Auf dem Ulmer Kuhberg verwirklichten die HfG-Gründer ihre Ideen von einem friedlichen Zusammenleben in Freiheit und Wohlstand. Sie plädierten für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Technik und den Herausforderungen der Moderne. Damit standen sie in der Tradition all jener Denker, die im Rahmen der Industrialisierung die Chance sahen, allen Menschen ein gutes und gleichberechtigtes Zusammenleben zu ermöglichen, in einer gut gestalteten Umgebung, mit nützlichen und praktischen Gegenständen für den täglichen Gebrauch. Jedes Mitglied der Gemeinschaft sollte die Möglichkeit haben, sich zu bilden und sich so zu einem freien, verantwortlich handelnden Menschen zu entwickeln. Diese Ideen haben bis heute nichts an ihrer Strahlkraft verloren.

Die Ausstellung wird durch ein umfassendes Veranstaltungsprogramm sowie der Publikation „Vom Bauhaus beflügelt“ (av edition, Stuttgart) der Kuratorin Christiane Wachsmann begleitet.